Projektreport Uganda

Vom 19.10. - 1.11.2017 waren wir in Uganda unterwegs. Genauer gesagt: in der Region um Kyamulibwa, im Südwesten von Uganda (Distrikt Masaka). Dort haben wir während dieser zwei Wochen mit der Verteilung der ersten 100 URIDU-Player begonnen (weitere 400 werden in den kommenden Wochen und Monaten folgen).

Wir waren zum zweiten Mal dort zu Gast; das erste Mal bereits im April 2017, wo wir die Gelegenheit hatten, uns mit den regionalen Gegebenheiten vertraut zu machen und erste Vorbereitungen für die Umsetzung unseres lokalen Projekts zu treffen. Unser Projektpartner in Kyamulibwa ist die Projekthilfe Uganda e. V., ein gemeinnütziger, deutscher Verein mit Sitz in Bruchsal-Büchenau (http://www.projekthilfe-uganda.de). Der Verein hat in langjähriger Arbeit vor Ort bereits ein wunderbares Entwicklungsprojekt mit Schulen, Berufsausbildung und sogar einem kleinen Krankenhaus aufgebaut. Mit Hilfe zur Selbsthilfe versucht er, die Gesundheitsversorgung zu verbessern, einfache Berufsausbildung zu ermöglichen und bessere Anbaumethoden zu unterstützen. Alle Projekte werden mit dem Ziel gestaltet, sich früher oder später einmal selbst tragen zu können. Zu diesem Ansatz passt URIDU in jeder Hinsicht natürlich hervorragend! 

Gleich am zweiten Tag unseres Aufenthalts konnten wir mal wieder live erleben, wie schwierig sich Gesundheitserziehung in Afrika meistens gestaltet. Zusammen mit Thomas Mugisha, einem der Health Worker des örtlichen Krankenhauses, fuhren wir in ein kleines Nachbardorf. Natürlich auf einem der Motorradtaxis (Bodaboda genannt), die in Uganda überall das wichtigste Fortbewegungsmittel sind. Das Dorf lag wirklich ganz in der Nähe, aber die mühsame Fahrt mit dem Motorrad über vom Regen schlammig und rutschig gewordene Lehm-Buckelpisten dauerte trotzdem gute zwanzig Minuten. Vor Ort griff sich Thomas ein schon hundertmal geflicktes Megaphon und begann, auf dem Dorfplatz zu den Themen Lungenentzündung und Tuberkulose zu referieren. Er hatte sich ein paar unserer URIDU-Inhalte dazu ausgedruckt und schaute während seines Vortrags immer wieder auf seine Notizen. Nach und nach kamen immer mehr Neugierige dazu. Nach einer Weile saßen gut 40 Menschen vor Thomas und hörten aufmerksam zu, was er erzählte. 

 Gesundheitswissen wird vermittelt

Kaum war er fertig, wurde er mit Fragen bombardiert - nicht nur zu den Gesundheitsthemen, über die er eigentlich gesprochen hatte, sondern auch zu vielen anderen. Die Art der Fragen machte deutlich, über wie wenig Wissen die Menschen hier verfügen, und wie sehr dieser Mangel an verlässlichen Informationen zur Bildung von Halbwahrheiten und Gerüchten führt: „Ich habe Blutgruppe Null, ich habe gehört, dass ich damit kein AIDS bekommen kann?“ -  „Mir hat man erzählt, dass man das Ergebnis des AIDS-Tests verfälschen kann, indem man vorher eine Coca-Cola trinkt, stimmt das?“ Kein Wunder: die wenigsten der hier Anwesenden haben Zugang zu all den Informationsquellen, die für uns selbstverständlich sind: Bücher, Zeitungen, Internet, nicht einmal Radio und Fernsehen - nichts davon ist hier vorhanden, denn es gibt nicht einmal Elektrizität in diesem Dorf. Von den Erwachsenen haben nur wenige eine Schule besucht, und wenn, dann viel zu kurz. Viele Male hat der Dorfälteste deshalb schon darum gebeten, so erzählte es uns Thomas, dass endlich mal jemand vom Krankenhaus ins Dorf kommen und die Bewohner über einige hier häufige Erkrankungen, Symptome und örtliche Behandlungsmöglichkeiten informieren möge. Aus Personalmangel hat es bisher nie geklappt, und nach zwei Stunden musste Thomas auch schon wieder aufbrechen. Eigentlich war sogar nur eine Stunde hier geplant, aber angesichts der Flut an Fragen und Sorgen der Zuhörerschaft hat er ohne zu zögern seine Freizeit geopfert, um länger bleiben zu können. 

Führt man sich vor Augen, wie mühsam und gleichzeitig ineffizient diese Art der Gesundheitserziehung ist, wundert es einen nicht, weshalb der Ansatz von URIDU von so vielen Hilfsorganisationen so freudig begrüßt wird: Statt nur punktuell wenige Menschen mit großem Aufwand erreichen zu können, bleiben unsere MP3-Player ja dauerhaft bei den Menschen vor Ort. Sie können sich die darauf befindlichen Informationen jederzeit und immer wieder anhören, in dem ihnen angenehmen Tempo. Denn natürlich bedeutete ein Vortrag wie der von Thomas für die Menschen im Dorf geradezu eine Überflutung an Wissen und ist deshalb von ihnen wohl kaum vollständig zu verarbeiten und zu behalten. Unsere Texte dagegen können „häppchenweise“ angehört werden und sind jederzeit beliebig oft verfügbar. Auch dort, wo es keine Elektrizität gibt. Und so können jede Menge Menschen jede Menge Informationen zu allen möglichen Themen aus den Bereichen Gesundheit, Familie und Erwerbsmöglichkeiten erhalten. 

Aber ehe jemand sich unsere Inhalte anhören kann, müssen sie natürlich in die jeweilige Landessprache übersetzt und von einer Muttersprachlerin aufgenommen werden. In Uganda finden sich um die 40 lokale Sprachen. Weit verbreitet ist Luganda, das insbesondere in den südlichen und zentralen Landesteilen von fast allen gesprochen und verstanden wird, so auch in Kyamulibwa. Auf dem nachfolgenden Fotos ist unser „Studio Kyamulibwa“ zu sehen - Josephine, eine der Mitarbeiterinnen von Projekthilfe Uganda e. V. unterstützt uns hier gerade bei der Aufnahme unserer Texte vor Ort: mit Hilfe eines von uns dafür angeschafften Laptops und Mikrofons. Sie war mit großer Begeisterung bei der Sache. Und immer musste sie sehr lachen, wenn wir während unseres Aufenthalts wieder einmal von einer weiteren Player-Verteilungs-Fahrt zurückkamen und ihr versicherten, dass ihre Stimme nun bald überall in ganz Uganda zu hören sein würde …!

Aufnahmen für MP3forLife

100 unserer MP3-Player hatten wir schon vorab auf den Weg nach Kyamulibwa geschickt, diese warteten bei unserer Ankunft bereits auf uns und auf ihre Verteilung. Die Frauengruppen, zu denen wir sie bringen wollten, hatten die Mitarbeiter von Projekthilfe Uganda e. V. ausgewählt. Zusammen mit Gertrud, Robert und Nicholas machten wir uns also auf den Weg, um nach und nach die ersten dieser Gruppen aufzusuchen, die Frauen kennenzulernen und ihnen die MP3-Player zu bringen. Überall wurden wir schon mit offenen Armen sehnsüchtig erwartet - es war einfach rührend!

Bei jeder Gruppe bekamen wir erst einmal ein bisschen etwas über die anwesenden Frauen, die bisherigen Aktivitäten der Gruppe und die aktuelle Situation erzählt. Die Geschichten waren oft herzzerreißend. Viele der Frauen sind entweder ohnehin allein erziehend, weil Männer sich in Afrika gerne um ihre Vaterpflichten drücken. Oder sie sind verwitwet - AIDS zählt natürlich zu einer häufigen Todesursache, aber auch schwere Verkehrsunfälle sind an der Tagesordnung und fordern viele Opfer. 90 % aller tödlichen Verkehrsunfälle ereignen sich in Entwicklungsländern. Nicht weiter verwunderlich angesichts der katastrophalen Straßenverhältnisse, des mangelhaften Zustands der Fahrzeuge und fehlender Straßenbeleuchtung bei Nacht. Eine vollständige Familie - Vater, Mutter, zwei kleine Kinder - auf einem Motorrad ist der Normalfall, natürlich alle ohne Helm. Manchmal sind es auch drei Kinder. Völlig überladene Fahrzeuge aller Art sind überall unterwegs. Hier wird alles, von der Matratze bis zum Sarg, auf dem Motorrad transportiert, oft mit Hilfe abenteuerlicher Konstruktionen. Das geht nicht immer gut. Zurück bleiben dann oft genug völlig unversorgte Frauen und Kinder. 

Bodaboda Familie auf Motorrad

Eine Gruppenführerin, eine Frau um die 50, beeindruckte uns besonders. Sie erzählte uns, dass ihr Sohn gestorben war und ihr drei Enkelkinder hinterlassen hatte. Sowohl sie selbst als auch ihr Mann waren HIV-positiv und bitterarm, sie lebten weitab von jeder Zivilisation in einer der zahllosen jämmerlichen Lehmhütten. Eigentlich eine aussichtslose Situation. Aber dann gründete sich eine VSLA-Gruppe in ihrem Dorf (die Abkürzung steht für Village Savings and Loans Association). In diesen Gruppen organisieren sich Frauen (meist unter Anleitung von Sozialarbeitern) und beginnen, gemeinsam zu sparen. Natürlich sind es nur winzige Beträge, die die Frauen wöchentlich zurücklegen können, aber diese werden in eine gemeinsame Kasse eingezahlt und von drei Frauen gemeinsam streng überwacht und verwaltet. Braucht nun eine der Frauen einen Kredit für eine größere Anschaffung (z. B. eine Ziege), kann sie diesen bei der Gruppe beantragen und - wenn alle einverstanden sind - aus der Sammelkasse entnehmen. Die Rückzahlungsmodalitäten werden in der Gruppe verhandelt und ebenfalls streng von allen Gruppenmitgliedern kontrolliert. So ist es den Frauen möglich, kleinere Investitionen zu tätigen, ohne dafür die Wucherzinsen zahlen zu müssen, die Banken oder örtliche Kredithaie ihnen dafür abnehmen würden. 

Besagte Gruppenführerin nun hatte diese Möglichkeit genutzt, um sich eine kleine Körnermühle (ähnlich unseren früheren eisernen Fleischwölfen) zu kaufen und damit gesammelte Samen und Körner zu einer Art Teepulver zu zermahlen. Dieses verpackte sie in kleine Plastiktütchen (die sie mit Hilfe eines über einer Kerze erhitzten Drahts verschweißte) und verkaufte sie auf einem nahe gelegenen Markt. So gelang es ihr nicht nur, ihre drei Enkelkinder auf eine der örtlichen Boarding Schools zu schicken, sondern sie konnte sogar für die Familie statt der Lehmhütte ein kleines Backsteinhäuschen errichten, die sie uns stolz präsentierte. Inmitten dieser Hütte hatte die Familie eine einzelne Lehm-Mauer stehen lassen - als Erinnerung daran, wie viel schlechter es ihnen zuvor gegangen war … Momente wie diese rufen einem sehr deutlich in Erinnerung, welch riesigen Unterschied die Vermittlung von eigentlich sehr einfachem Wissen und Fertigkeiten im Leben so vieler Menschen machen kann - und warum unsere MP3-Player so wichtig sind! 

Im Laufe der zwei Wochen besuchten wir zahlreiche Frauengruppen in der Region von Kyamulibwa und hörten viele, viele solcher Geschichten. Die nachfolgenden Bilder stammen von diesen Player-Verteilungs-Fahrten und illustrieren ein bisschen die Eindrücke, die wir dabei sammeln konnten. Die Verteilung der restlichen Player wird durch das örtliche Team von Projekthilfe Uganda e. V. in den kommenden Wochen vorgenommen werden. Auch darüber werden wir natürlich weiter berichten. 

Verteilung der MP3forLife Player vor Ort

Ein kleines „Spin-off-Projekt“ haben wir neben der MP3-Player-Verteilung in unseren zwei Wochen in Kyamulibwa auch noch auf den Weg gebracht: die erste Installation unserer URIDUPEDIA for Schools nämlich! Wie schon erwähnt, hat Projekthilfe Uganda e. V. in Kyamulibwa bereits mehrere Schulen eingerichtet; darunter zwei Vor- und Grundschulen (St. Kizito und St. Leonard, Klasse 1 - 7) und eine weiterführende Schule (Holy Family Secondary School, Klasse 8 - 13). Letztere verfügt auch über einen kleinen Computerraum, in dem ca. zwei Dutzend Windows-Rechner vorhanden sind. Dort lernen die Schüler Grundbegriffe im Umgang mit Computern, allerdings gibt es keinen Internetzugang. 

Da die Computer untereinander vernetzt sind, war es kein großes Problem für uns, eine englische Version unserer URIDUPEDIA-Inhalte (leicht angepasst auf die Bedürfnisse der Schüler) auf einem zentralen Rechner zu installieren. Zusätzlich packten wir auch noch die frei verfügbare WIKIPEDIA for Schools (eine kuratierte Version der Wikipedia, die ca. 6.000 Artikel aus Themenbereichen wie Mathematik, Sprachen, Naturwissenschaften, Literatur, Kunst und vielem mehr enthält) mit auf das Netzwerk. Nun können die Schüler der Holy Family Secondary School an ihren Computern in all diesen Inhalten genauso surfen, als würden sie ins Internet gehen. Sie lernen den Gebrauch eines Internetbrowsers ebenso wie die Fähigkeit, Informationen selbständig zu recherchieren und z. B. im Rahmen von Referaten oder ähnlichem aufzuarbeiten. Wichtige Schlüsselkompetenzen, die ihnen später sicher zugute kommen werden! Schulleitung, Lehrer und Schüler waren gleichermaßen begeistert von diesen neuen Möglichkeiten. Und wir freuen uns, dass damit unser erstes Pilotprojekt URIDUPEDIA for Schools angelaufen ist! 

URIDUPEDIA for Schools

Ein weiteres URIDU-„Spin-off-Projekt“, das uns sehr am Herzen lag, fand auch während unseres Aufenthalts in Kyamulibwa statt: ein zweitägiger Workshop für Mädchen und Frauen nämlich, in dem die Herstellung von wiederverwendbaren Damenbinden gelehrt wurde. Unvorstellbar für die meisten europäischen Frauen, aber die monatliche Menstruationshygiene ist für Frauen in vielen Entwicklungsländern ein riesiges Problem. Wegwerf-Hygieneartikel (Binden oder Tampons) sind in der Regel überhaupt nicht zu bekommen. Wenn doch - beispielsweise in den Supermärkten größerer Städte -, dann sind sie für die meisten Frauen völlig unerschwinglich. So müssen sie sich mit Notlösungen behelfen, die nicht nur unbequem und wenig funktional sind, sondern die in den meisten Fällen auch noch fast zwangsläufig zu Infektionen im Genitalbereich, in Blase oder Nieren führen: unsaubere Stoffstücke, Blätter oder Gras zum Beispiel. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen Mädchen in Afrika im Durchschnitt vier Schultage monatlich nur deshalb verpassen, weil sie während ihrer Periode lieber zuhause bleiben! 

Während unseres Uganda-Besuchs im April hatten wir Kontakte zu einer kleinen Organisation geknüpft, die Frauen und Mädchen unter anderem die Herstellung wiederverwendbarer Damenbinden beibringt. Wir stellten den Kontakt zur Leitung von Projekthilfe Uganda e. V. her, und gemeinsam kamen wir zu dem Schluss, dass so ein Workshop in Kyamulibwa für Schülerinnen, aber auch für Frauen aus dem Umland doch eine gute Sache wäre. Dank der vorhandenen Räumlichkeiten in der Schule Holy Family war auch das Platzproblem schnell gelöst, und Projekthilfe Uganda e. V. schulterte auch noch die anfallenden Kosten für Materialien und Ausbilder. Der Erfolg des Workshops war überwältigend - gerechnet hatten wir mit ca. 50 Teilnehmerinnen, aber es kamen über 100 Frauen und Mädchen! Alle waren mit Feuereifer bei der Sache, man merkte, dass das Thema ihnen allen auf den Nägeln brannte. Zwei Tage lang lernten sie, wie sie Binden aus Baumwollstoff selbst nähen können. Die Binden verfügen über eine wasserfeste Unterseite (hergestellt aus einfachem Plastik, zur Not tut es hier auch ein Stück von einem Müllbeutel) und leicht wechselbaren, waschbaren und damit wiederverwendbaren Einlagen. Dadurch sind sie nicht nur kostengünstig, sondern auch ökologisch natürlich eine optimale Lösung.  Und hygienisch obendrein! 

Sanitary-pads.jpg

Ganz nebenbei wurden im Rahmen des Workshops auch viele überkommene Mythen und Tabus rund um das Thema Menstruation besprochen und attackiert. Menstruierende Frauen sind in weiten Teilen Ugandas - wie in vielen Entwicklungsländern - stigmatisiert. Sie werden als „unrein“ angesehen und dürfen viele Dinge (wie z. B. Früchte oder Gemüse ernten oder Essen kochen) während ihrer Periode nicht tun. Die Workshopleiter diskutierten mit den Teilnehmerinnen über all diese Themen. Außerdem vermittelten sie den Frauen wertvolles Wissen rund um das Thema Menstruation: Warum sie wichtig und ein Zeichen von Gesundheit ist, was genau während eines Menstruationszyklus im Körper einer Frau passiert und was man bei Menstruationsbeschwerden tun kann. Am Ende der beiden Tage nahm nicht nur jede der Teilnehmerinnen ihr eigenes Binden-Set mit nach Hause, sondern alle waren auch noch mehr als motiviert, das neu erworbene Wissen an die Frauen in ihrem jeweiligen Umfeld weiter zu geben. Womit das Hauptziel von URIDU - die Weitergabe von Wissen - auch hier wieder hundertprozentig erfüllt war!