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Was sind eigentlich Vernachlässigte Tropenkrankheiten?

NTD

Im Zusammenhang mit den Projekten, die wir im Rahmen des SmartDevelopmentHacks gemeinsam mit unserem Projektpartner DAHW in verschiedenen Ländern derzeit umsetzen, sind Sie vermutlich schon öfter auf den Begriff der "Vernachlässigten Tropenkrankheiten" (englisch: Neglected Tropical Diseases - NTDs) gestoßen. Als Vernachlässigte Tropenkrankheiten bezeichnet man eine Gruppe übertragbarer Krankheiten, die durch Erreger wie Bakterien, Viren und Parasiten verursacht werden und von denen weltweit mehr als eine Milliarde Menschen betroffen sind. Trotz laufender Maßnahmen sind diese Krankheiten in instabilen und einkommensschwachen Regionen wie Afrika, Asien und Lateinamerika immer noch weit verbreitet. Zu den NTDs zählt man 20 verschiedene Krankheiten - und von ihnen betroffen sind vor allem Frauen und Kinder aus vulnerablen Gesellschaftsgruppen.

Alle diese Erkrankungen weisen komplexe Lebenszyklen auf und sind oft Folgeerscheinungen abrupter Umweltveränderungen. NTDs werden durch den Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln und/oder Wasser oder durch den Biss eines Vektors (z. B. eines Insekts) übertragen. Da bei ihrer Verbreitung viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, sind Gegenmaßnahmen des öffentlichen Gesundheitswesens oft nur mäßig erfolgreich. Nach Angaben der WHO verursachen NTDs jährlich etwa 200 000 Todesfälle und 19 Millionen so genannte "disability-adjusted life years" (DALYs = mit Krankheit oder Behinderung gelebte Lebensjahre).

Im Laufe der Jahre versuchte man mithilfe verschiedener Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die NTDs auszurotten und zu kontrollieren. Derzeit konzentrieren sich Fachleute dabei vor allem auf drei Maßnahmen: die Verabreichung von Medikamenten, die Vektorkontrolle und die Überwachung der öffentlichen Gesundheit.

Verabreichung von Medikamenten: Wie viele andere Infektionskrankheiten können auch NTDs mit Medikamenten behandelt werden. Allerdings werden derzeit nur einige wenige NTDs medikamentös behandelt, zum Beispiel Trachom, Schistosomiasis, lymphatische Filariose, Onchozerkose und bodenübertragene Helminthiasis. In Entwicklungsländern ist daher ein kritischer Punkt die ausreichende Beschaffung von Spendengeldern, die eine massenweise Verabreichung wirksamer Medikamente überhaupt erst ermöglicht.

Vektorkontrolle: Um die Übertragung der Erreger zu bremsen, kommen verschiedene Maßnahmen zum Einsatz: Insektenschutzmittel, mit Insektiziden behandelte Moskitonetze, das regelmäßige Versprühen von Insektiziden in Innenräumen, das Anbringen von Insektenschutznetzen und das Tragen geeigneter Kleidung gehören hierzu. Bei einigen Krankheiten setzt man auch auf routinemäßige diagnostische Tests.

Überwachung der öffentlichen Gesundheit: Genaue und zuverlässige Daten sind hier unerlässlich, um das Vorkommen und die Verbreitung von NTDs zu ermitteln. Dazu gehören die Sammlung und Verarbeitung von Proben, die Zusammenstellung von Daten und die Entwicklung von Überwachungssystemen. Zur Überwachung der öffentlichen Gesundheit zählen auch die Untersuchung und Behandlung von Risikopersonen und Infizierten. Derzeit sind 4 NTDs auf diese Weise kontrollierbar: Trypanosomiasis, Lepra, Leishmaniasis und die Chagas-Krankheit.

Die Folgen für arme Bevölkerungsschichten

Trotz aller Präventions-, Kontroll- und Behandlungsmaßnahmen erkranken Menschen in ärmeren Ländern immer noch viel zu häufig an NTDs. Hinzu kommen all die bleibenden Schäden, die NTDs hervorrufen können: Blindheit, Anämie, kognitive Beeinträchtigungen, Schwangerschaftskomplikationen, sowie Wachstums- und Entwicklungsstörungen bei Kindern. Menschen in Entwicklungsländern sind deshalb besonders gefährdet, weil sie nur unzureichend Zugang zu medizinischer Prävention und Versorgung haben und/oder es an Gesundheitserziehung mangelt. Im Vergleich zu Menschen in wohlhabenderen Ländern sind sie daher weit häufiger von NTDs betroffen. Ihre beeinträchtigte Gesundheit wirkt sich dann wiederum stark negativ auf ihre gesamten Lebensumstände aus - ein Teufelskreis. Länder und/oder Organisationen sind daher gefordert, Medikamente für die breite Masse der Bevölkerung gratis zur Verfügung zu stellen und das allgemeine Gesundheitswissen in weniger privilegierten Ländern zu verbessern.

Als Reaktion auf die aktuelle globale Situation hat die WHO eine neue NTD-Roadmap für 2021-2030 entwickelt - eine Aktion zur Prävention, Kontrolle und Ausrottung von NTDs. Dabei sollen unterschiedlichste Maßnahmen wie Vektorkontrolle, veterinärmedizinische Kontrolle der öffentlichen Wasserversorgung, präventive Chemotherapie, individuelles Fallmanagement sowie sanitäre Einrichtungen und Hygiene unterstützt werden. Die ehrgeizigen Ziele der Roadmap bis 2030 lauten: Reduktion der NTD-Fallzahlen um 90 %; Reduktion der DALYs um 75 %; Ausrottung von mindestens einer NTD in 100 Ländern; vollständige und globale Ausrottung von zwei NTDs (Yaws und Dracunculiasis).

Prävention und Vorsorge

Gesundheitswissen spielt eine wesentliche Rolle bei der Vermeidung von Krankheiten. Nur über Aufklärung, vor allem für Frauen und Kinder aus weniger privilegierten Schichten, lassen sich daher die Morbidität und Mortalität verringern. Einfache Präventivmaßnahmen, die vermittelt werden können, sind zum Beispiel: eine gute Hand- und Lebensmittelhygiene, die Benutzung von sauberem und/oder kochendem Wasser, die Verwendung von Insektenschutzmitteln, der Einsatz von mit Insektiziden behandelten Netzen, Fenster- und Türgittern und das Tragen angemessener, vor Insektenbissen schützender Kleidung.

Weltweit konzentrieren sich die meisten Maßnahmen, die auf Kontrolle, Prävention und Elimination der NTDs abzielen, auf den Bereich der öffentlichen Gesundheit. Ein wichtiger Aspekt der Prävention von NTDs ist jedoch die Aufklärung der Bevölkerung, vor allem der marginalisierten und unterprivilegierten Bevölkerung. Hier setzen wir mit Audiopedia an, indem wir hörbares Gesundheitswissen zu Frauen und Kindern in besonders vulnerablen Gemeinschaften bringen. Wir wollen medizinisches Wissen jedem zugänglich machen, um so die Erkrankungs- und Sterberate durch NTDs zu senken.


Autorin: Neha Ramjuttun
- Medical Advisor Audiopedia, Master in Public Health (MPH), MBBS